Richard Ungewitter

Geboren: 18. Dezember 1869 in Artern
Gestorben: 17. Dezember 1958 in Stuttgart


Vorkämpfer und erster Organisator der FKK-Bewegung

Heute erscheint es vielen von uns als eine Selbstverständlichkeit, sich nackt in der Natur, in den Vereinen oder an den dafür ausgewiesenen Stränden zu bewegen. Leider vergessen wir dabei, welche Kämpfe es am Anfang kostete, den Gedanken der hygienischen und moralischen Nacktheit in die Öffentlichkeit zu tragen.
Auch, wenn wir heute wieder „kämpfen” müssen, so ist dieser Kampf ja doch ein ganz anderer Kampf. Kein Kampf gegen die schwindenden Mitgliederzahlen, sondern ganz allgemein der Kampf um das Recht auf den nackten Körper.
Um 1900, einer Zeit von Korsetts und Zylinderhüten, war es Richard Ungewitter, welcher als erster in breiter Öffentlichkeit für die Nacktheit eintrat. Die wohl meisten der heutigen Freiheiten, wie auch die Arbeiten in der Freikörperkultur haben wir einigen, wenigen mutigen Menschen zu verdanken, zu denen auch Richard Ungewitter gehört.

Richard Ungewitter wurde am 18. Dezember 1869 in Artern, Thüringen, geboren. Seine Erziehung war, den Bräuchen der damaligen Zeit folgend, streng. Jahrelang war er in verschiedenen Gärtnereien als Gehilfe tätig, darunter zwei Jahre auch in Norwegen. Anschließend war er Mitbegründer einer Brotfabrik (Simonsbrotfabrik, welche aber kurze Zeit später in den Konkurs ging) und danach Vertreter.

In seiner Freizeit machte Richard Ungewitter sich so seine Gedanken über Lebensformen und Lebensreformen, Hygiene, Natürlichkeit und Schönheit. Seine ersten Aufsätze erschienen in der Zeitschrift »Kraft und Schönheit«. Es folgte sein Buch »Wieder nackt gewordene Menschen«, welches sich schon wesentlich intensiver mit der Nacktkultur beschäftigte.

Nach dem überraschenden Erfolg seiner Aufsätze und seines Buches, kam Richard Ungewitter auf die Idee, seine Gedanken über die Nacktheit in einem größeren Buch darzustellen. So entstand in relativ kurzer Zeit (4 Wochen) das Werk »Die Nacktheit in entwicklungsgeschichtlicher, gesundheitlicher, moralischer und künstlerischer Beleuchtung«, kurz und knapp »Die Nacktheit« genannt. da ein Buch mit so grundsätzlichen Ideen nicht damit rechnen konnte, einen Verleger zu finden, musste es zunächst auf eigene Rechnung und Gefahr gedruckt werden.
Seine Kühnheit, mit welcher er seine Gedanken verfolgte und veröffentlichte, blieb nicht ohne Folgen. So waren seine Werke ein Schlag ins Gesicht der bisherigen öffentlichen Moral und riefen die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Alle Verfahren gingen „glimpflich” für Richard Ungewitter aus.

Die im Jahre 1908 erschienene Studie »Nackt« widerlegte die Einwände der Gegner und stellte ihnen ihre eigenen Sünden wider echte Moral vor Augen - folglich kamen neue Prozesse auf ihn zu, welche er wieder gewann. Auch, wenn Richard Ungewitter stets gut vor Gericht abschnitt, so waren die Prozesse doch finanziell verheerend für ihn. So musste er eine Auflage seines Buches »Kultur und Nacktheit« (1911) zurückziehen und umschreiben (1912). Hinzu kamen dann noch die Prozesskosten, zusammen etwa 20.000 Mark - für die damalige Zeit eine recht große Summe.

Nach dem Erscheinen von »Nacktheit und Aufstieg« im Jahre 1925, hörten die ständigen Anzeigen bei Polizei und Staatsanwälten dann endlich auf. Inzwischen waren die Thesen Ungewitters Gemeingut der Freikörperkultur geworden.
Nacktskilauf ◀  Bei einem zweistündigen Lichtluftbad
     am 18. Februar 1909 auf der
     Schwäbischen Alb

 

Als „Waldmensch” in einer Hütte am  ▶
Hohlohturm im Schwarzwald
Geländehütte
Ungewitter bei der Arbeit  ▶
1904

 

 

Mit einem Bekannten in der
Lüneburger Heide
Am Schreibtisch Am Schreibtisch
Lüneburger Heide Lagerfeuer  

In Bezug auf die Freikörperkultur haben wir Richard Ungewitter gewiß sehr viel zu verdanken, aber es gibt da noch eine andere Seite des Richard Ungewitters, eine „dunkle” Seite. Und diese „dunkle” Seite ist in seinem fantatischem Rassismus begründet.

(Zitat) » Je größer nun Rassenunterschiede sind, um so weniger kann eine Vermischung der Rassen stattfinden, weil infolge der großen Blutunterschiede eine feste Verbindung ausgeschlossen ist.
...
Weil das Blut der niederen Rasse in seiner einfacheren und anderen Zusammensetzung die feineren unterschiedlichen Bestandteile und Eigenschaften des edleren Blutes unterdrückt und überwuchert. Denn das Blut der Dunkelrassigen (insbesondere Neger und Juden) enthält gröbere und schwerere Bestandteile.
Mischung verschiedenen gearteter Rassen führt demnach zum Zerfall und zum Untergang der betreffenden Rassen, insbesondere der höher veranlagten. « (Zitat - Ende)
Quelle: „Nacktheit und Aufstieg” - 1920 - Seite 118

Für Richard Ungewitter waren die für den 1. Weltkrieg verantwortlichen Antreiber, die (Zitat) „zerstörenden und zersetzenden Kräfte” (Zitat - Ende) des Weltjudentums. Und er prophezeite den sittlichen und kulturellen Untergang der deutsch-germanischen Rasse, wenn dem nicht entgegengewirkt wird. Mit seiner abstrusen These des »Blutunterschiedes« lenkte er von den Äußerlichkeiten ab und versuchte eine (Rassen-)Reinhaltung durch - irrwitzige - gesundheitliche Aspekte zu propagieren.

1923 setzte Richard Ungewitter eine Satzungsänderung in der von ihm 1911 gegründeten „Loge des aufsteigenden Lebens” (später: „Treubund für aufsteigendes Leben”) durch, indem er den Begriff »Rassenhygiene« aufnahm. In diesem Zusammenhang forderte er von seinen Mitgliedern nicht nur die Einhaltung „seiner Rassegesetze”, sondern auch das eindeutige Bekenntnis zu einer politischen Partei. Viele Mitglieder lehnten diese Neuorientierung Ungewitters ab und verliessen den „Treubund”.

1953 wurde Richard Ungewitter Ehrenmitglied im Deutschen Verband für Freikörperkultur (DFK) e.V.

1956 forderte Ungewitter auf dem INF-Kongreß in Hannover einen „Ehrensold” für seine Verdienste um die Freikörperkultur. Adolf Koch trat dem entgegen und rief ihm zu: »Hast du vergessen, wie du auf dem letzten Verbandstag des RFK 1933 öffentlich gefordert hast: „Adolf Koch, wann schmeißt du die Juden raus?”«
Quelle: Buch »Freikörperkultur in Deutschland« - 1999 - Seite 17

Werke: Als Herausgeber:
19051909191119131920Reprint

 

  Richard Ungewitter, der Rassist

Ein 36-seitiges Pamphlet , welches Richard Ungewitter am 20. Lenzing 1921 veröffentlichte, zeigt mehr als deutlich seine Einstellung.


Für den 1. Weltkrieg machte Ungewitter auch das jüdische Volk verantwortlich.



Seine Forderungen waren eindeutig - die tatsächliche Umsetzung erfolgte allerdings etwas über 10 Jahre später, mit eben diesen gleichen Argumenten.


Verfasst hatte Ungewitter diese Hetzschrift bereits am 4. Nebelung 1920 .

 

Warum glaubte man diesen Schriften ?

Heute informieren wir uns über das Internet, Fernsehen, Radio und Zeitungen. Wir haben es durchaus einfach, Meldungen und Berichte auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und Falschmeldungen zu entlarven.

Internet und Fernsehgeräte gab es in den 1920er Jahren noch nicht  (Anmerkung: 1952 gab es in der BRD gerade einmal 300 Fernsehteilnehmer)  und das Radio war gerade erst erfunden und fand erst mit der Entwicklung des Volksempfängers im Jahre 1933 seine große Verbreitung.

Einzige Informationsquellen in den 1920er Jahren waren Zeitungen und öffentliche Anschläge (Mitteilungen / Plakate), Bücher und Kundgebungen, bzw. Reden.
Ein guter Rhetoriker, bzw. ein guter Journalist, hatte also durchaus die Fähigkeit, die Zuhörer und Zuhörerinnen zu lenken, zu beeinflussen, zu manipulieren und damit für „seine Sache” zu begeistern.

 

Begriffserklärungen:

Ein Pamphlet oder eine Schmähschrift ist eine Schrift, in der sich jemand engagiert, überspitzt und polemisch zu einem wissenschaftlichen, religiösen oder politischen Thema äußert.
     Quelle: Wikipedia

Lenzing ist eine veraltete deutsche Bezeichnung für den Monat März. Ungewitter verwendete in seinen Schriften gerne die alten (deutschen) Bezeichnungen.

Nebelung ist eine veraltete deutsche Bezeichnung für den Monat November.

 

Quellen:
- »Der Sonnenmensch« - 11/1949
- »Nacktheit und Aufstieg« - 1920
- Wikipedia
- Bücher, selbst

Aktualisierungen:
23.02.2026 → Seite erweitert (Der Rassist)
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24.09.2002 → Seite erstellt

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